Scheinheilige Nachhaltigkeitsprogramme – meist nur reine Imagepolitur

Heute ist der Tag der Erde 2021 – der Tag, den Millionen von Menschen begehen, um ihre Solidarität für den Schutz der Umwelt zu bekunden, aber auch um über das Konsumverhalten nachzudenken.  

#Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren zu einem der Buzzwörter in der Unternehmensstrategie und -kommunikation geworden. Nach der Verabschiedung der Agenda 2030 und ihren 17 Nachhaltigkeitszielen möchte jedes Unternehmen mit gutem Beispiel voran gehen. Doch wie ernst meinen es die Unternehmen wirklich? 

Viele Unternehmen haben das Thema wirklich in ihrer Unternehmens–DNA. Viele haben sich neu ausgerichtet oder auch neu erfunden. Und das schätze und bewundere ich!  

Meiner Meinung nach betreiben aber immer noch zu viel Unternehmen Schönfärberei, neudeutsch “#Greenwashing”. Sie sprechen davon, dass sie ökonomische und ökologische Verantwortung übernehmen, aber in Wirklichkeit kaufen sie sich durch Zertifikate und Kompensationen frei und halten an bewährten Prozessen fest. Damit spreche ich insbesondere die “papierverliebten” Industrien und Prozesse an. 

Wir hören ständig: “Corona beschleunigt die #Digitalisierung”. Und das ist in vielen Bereichen auch so! Doch die Nutzung von mobilen Endgeräten, Arbeiten aus dem Homeoffice und fast ausschließliche Besprechungen über Videokonferenzsysteme hat nichts mit “digitaler Transformation” zu tun. Gedruckt wird nach wie vor! Vielleicht nicht mehr so viel in den Büros, aber die Volumina der Transaktionsdrucker und daraus resultierende Anzahl der Postsendungen hat Corona–bedingt kaum abgenommen.

Warum müssen im Jahr 2021 beispielsweise Gehaltsabrechnungen oder Rechnungen noch gedruckt werden, anstatt diese dem Mitarbeiter oder Kunden digital zuzustellen? Warum bekomme ich drei Sendungen von einer Bank an einem Tag?  

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Warum sendet mir eine Versicherung eine Beitragserhöhung und eine Beitragsbestätigung nicht in einem Umschlag (Wegen der “Customer Experience”: weil sie nicht wollen, dass der Kunde eine gute und eine schlechte Nachricht in einem Umschlag erhält! Das kann man sich nicht ausdenken!?) 

Warum verschwendet man Papier für Kommunikation, die eine Lesedauer von weniger als 8 Sekunden hat, wenn sie nicht sogar sofort ungelesen in den Müll wandert?  

Warum bringt man “rechtliche Fragestellungen und Unsicherheiten bei der digitalen Zustellung” vor, um dann doch wieder den analogen Prozess zu bedienen? Das ist doch alles im deutschen und europäischen Recht (#DSGVO-konform und ohne #cloudact) geklärt. Die Technologie ist vorhanden und implementierbar. Bemerkung am Rande: gerade der Einsatz von “amerikanischen” Signaturen ohne eindeutige Identifikationsverfahren im Kontext der DSGVO ist gegebenenfalls sehr kritisch, aber dennoch weit verbreitet im deutschsprachigen Raum. 

#Kundenbindung heißt nicht, dass wir dem Verbraucher zumuten, sich unzählige Passwörter von unzähligen Unternehmens-Portalen zu merken. Und da diese Portale dann auch noch kaum genutzt werden, wird letztendlich doch gedruckt! Ich habe öfters aus der Versicherungsbranche gehört, dass die Nutzung der Portale im einstelligen Prozentbereich liegt. Kundenbindung geht anders. 

Die Antwort der meisten Unternehmen lautet: “Unser #Nachhaltigkeitsprogramm beinhaltet auch klimaneutrales Drucken”.  

Laut Statista wurden in 2020 allein durch die Deutsche Post 14 Mrd. Postsendungen analog zugestellt. Wir sehen hier zwar ein Trend nach unten, aber das Einsparpotenzial ist weiterhin enorm. 

Was genau bedeuten die 14 Mrd. Briefsendungen für unsere Umwelt?  

Gehen wir mal davon aus, dass im Schnitt eine Briefsendung aus zwei DIN-A4-Seiten besteht und 50% der Aussendungen auf recyceltem Papier gedruckt werden. Dann werden alleine für die Herstellung für diese 28 Mrd. Seiten Papier 136 Tonnen klimaschädliche Treibhausgasse produziert. Dies sind 20% des CO₂-Ausstoßes in Deutschland (rund 739 Millionen Tonnen in 2020). 

Was machen wir jetzt mit der Erkenntnis? 

Mein Appell an alle Unternehmen lautet: “Hinterfragt den Status Quo”.  

“Wir machen das immer schon so”, “wir haben aber die Abteilung/den Prozess, etc.” oder “Wir können das nicht ändern” sind Ausreden. Eine Veränderung bedarf keiner großen IT-Projekte, sondern nur den Mut bestehende Prozesse zu überdenken. Wir haben es in unserer Hand. Die Umweltbelastungen werden nicht weniger, wenn man nichts ändert oder “nur” #Klimakompensation betreibt. 

Was wir brauchen, ist ein wirkliches Umdenken in Form von Nicht-Drucken und konsequenter Digitalisierung. Verschlankung und Überarbeitung der Prozesse hilft der #Umwelt. Die #Digitalisierung schlechter Prozesse oder einfaches Benutzen von E-Mails – mangels besserer Ideen – ist auch keine Lösung! 

Artikel ist ursprünglich erschienen hier.